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Zivilcourage - eine zentrale Tugend

 

Nach der Wiedervereinigung hat die Aktion Gemeinsinn e.V. das Thema Zivilcourage zu einem Schwerpunkt ihrer Arbeit gemacht. Sie sieht darin – besonders nach den Erfahrungen mit zwei deutschen Diktaturen im letzten Jahrhundert – die zentrale Tugend für eine demokratische Gesellschaft. Mit drei Preisverleihungen für Zivilcourage in den Jahren 1997, 2000 und 2006, drei Fachtagungen zu diesem Thema (2000 in Berlin, 2001 in Kochel und 2005 in Kreisau/Polen) sowie einer Medienkampagne versuchte sie zivilcouragiertes Handeln in der politischen Kultur zu verankern, indem sie sozial und politisch verantwortliches Handeln thematisierte und auf Beispiele für eine demokratische Alltagspraxis hinwies.

 


Der Tübinger Politologe Professor Gerd Meyer definiert Zivilcourage als “öffentliches Handeln im Alltag, als sozialen Mut in der Lebenswelt der Bürger, als Element der Zivilgesellschaft und der politischen Kultur” (Gerd Meyer: Lebendige Demokratie: Zivilcourage und Mut im Alltag; Tübingen 2004, S. 250). Auch in einer offenen Gesellschaft sieht er die Zivilcourage als notwendig an, um Neues ausprobieren zu können, gegen Machtmissbrauch zu protestieren, gesellschaftliche Missstände abzustellen und Veränderungen zu erreichen. Als Kriterien für Zivilcourage nennt er ideelle Motive, wie z.B. das öffentliche Eintreten für allgemeine Werte, das in der Regel gewaltfrei sein sollte, und die Bereitschaft, dafür auch Nachteile in Kauf zu nehmen. Für ihn ist Zivilcourage “ein wichtiges Element einer lebendigen Bürgergesellschaft und einer demokratischen politischen Kultur” (ebda. S. 252). Es ist ein wertorientiertes Handeln, das sich am Verfassungskonsens, an den Menschenrechten und an der Rechtsstaatlichkeit ausrichten muss.

 


Die Aktion Gemeinsinn e.V. ist sich bewusst, dass Zivilcourage weder von den Mächtigen noch von den Bürgern selbst in jedem Fall geschätzt wird. Zivilcourage kann unbequemes Handeln sein, dessen Früchte sich oft erst spät zeigen. Umso wichtiger ist es, ein günstiges soziales Klima zu schaffen, das Kritik, Widerspruch und solidarisches Handeln fördert. Mit der Preisverleihung ehrte die Aktion Gemeinsinn e.V. interventionsfähige Bürger, die in der Zeit der Hitlerdiktatur, in der ehemaligen DDR und auch im wiedervereinigten Deutschland immer dann in ein soziales oder politisches Geschehen eingegriffen haben, wenn sie es aufgrund ihrer moralischen Einstellung für geboten hielten. Bereitschaft zur Verantwortung für andere ist das Schlüsselwort für ihr Bürgerengagement. Die folgenden Kurzporträts der Preisträger zeigen, wie sozialer Mut zu unterschiedlichen Zeiten und an unterschiedlichen Orten gelebt werden kann.


Zitat von Altbundespräsident Richard von Weizsäcker: “Bekanntlich lebt eine demokratische Verfassung von Voraussetzungen, die sie selbst nicht schaffen kann. Ihre Regeln können aber helfen, das Wichtigste zu fördern: die Zivilcourage unter freien Menschen” (FAZ 28.1.2000,S. 3).



Der Ehrenpreis Zivilcourage


Im Rahmen einer feierlichen Ehrung im Jakob-Kaiser-Haus des Deutschen Bundestages wurden die fünf nachfolgenden Persönlichkeiten am 9. März 2006 mit dem Zivilcourage-Preis der Aktion Gemeinsinn ausgezeichnet: 


Waltraud Mehling, Berlin

Zivilcourage zu Zeiten der NS-Diktatur. Da stellt man sich gestandene Männer und Frauen vor. Mit Waltraud Mehling, einer heute 75-jährigen Berlinerin, ehren wir eine mutige Frau, die schon als Kind regelmäßig den im heimischen Keller versteckten Juden in ihrem Puppenkörbchen Essen brachte. Die Eltern – der Vater war Elektro- und Schlossermeister mit Dienstwohnung im Verwaltungsgericht – standen selbst unter Beobachtung. So weihten sie das Kind ein, das als solches unverdächtig war. Wenn Waltraud Mehling erzählt, klingt das wie eine Selbstverständlichkeit, obwohl das Risiko spätestens mit der Verhaftung des Vaters messbar wurde. Als Jugendliche schloss sie sich dann einer Gruppe Gleichgesinnter an und versorgte von 1943 bis zum Kriegsende Juden, die sich auf dem Jüdischen Friedhof Berlin-Weißensee  versteckt hielten. Dies Beispiel zeigt, dass Zivilcourage bereits in sehr frühem Alter möglich ist, wenn das Erziehungsumfeld dazu anregt. So kann Waltraud Mehling nicht nur ein Vorbild für die Jugend, sondern darüber hinaus auch für alle sein, die mit jungen Menschen zu tun haben.


Dr. Ignacy Jez, Köslin/Polen

Altbischof Dr. Ignacy Jez erhielt den Preis für Zivilcourage für sein so mutiges Verhalten als junger Priester während der NS-Besatzung in Polen. Er war fünf Jahre lang im Konzentrationslager Dachau inhaftiert. In seiner Funktion als Leiter der Krankenstube half er vielen Menschen unterschiedlicher Nationalitäten beim Kampf um das Überleben. Es war in erster Linie sein beispielhafter Optimismus, der zum Durchhalten anspornte. Zivilcourage im Vernichtungslager bedeutete Eintreten für Humanität in einem unmenschlichen System und Hoffen entgegen aller Hoffnungslosigkeit. Dr. Ignacy Jez konnte darin einen Sinn seiner KZ-Haft finden, wofür er noch heute dankbar ist. Diese Hoffnung prägte auch sein Leben nach dem Krieg: Lebensfreude und Einsatz für die deutsch-polnische Versöhnung statt Bitterkeit und rachsüchtige Feindseligkeit entgegen der allgemeinen Stimmung – das würde man von einem ehemaligen KZ-Häftling nicht erwarten. Sein tapferes Engagement verdient Bewunderung und es ist zu wünschen, dass viele Menschen auch in der jungen Generation seinem Beispiel folgen.


Uwe Schwabe, Meltewitz

Uwe Schwabe erhielt die Auszeichnung für Zivilcourage im früheren DDR-System. Er ist ein Beispiel für einen Normalbürger, dessen Widerspruchsgeist erst durch die Erziehungsversuche, Demütigungen und Bespitzelungen während seines Dienstes bei der Nationalen Volksarmee geweckt wurde. Seine Kritik am kommunistischen Unterdrückungssystem führte ihn zur Jungen Gemeinde der Leipziger Nikolaikirche. Er engagierte sich zunächst in der AG Umweltschutz. Die Kritik an der Umweltverschmutzung in seinem Betrieb brachte ihm ständige Schikanen ein, bis er freiwillig ging. Die Erkenntnis, dass Umweltschutz ohne politische Veränderungen nur sehr begrenzt möglich ist, führte zur Gründung der „Initiativgruppe Leben“, die die breite Masse der Bevölkerung dafür mobilisieren wollte. Diese Gruppe war an den großen Demonstrationen beteiligt, die der Wende vorausgingen. Dem Druck durch dauernde Bespitzelung, Einschüchterung und Untersuchungshaft hielt Uwe Schwab stand, weil er sehen konnte, wie sein Mut andere anzustecken vermochte.


Bogdan Borusewicz, Danzig/Polen

Widerstand gegen die kommunistische Unterdrückung in Polen und unermüdlicher Einsatz für ein unabhängiges und demokratisches Polen – das ist es, was Bogdan Borusewicz  für die Aktion Gemeinsinn zum preiswürdigen Vorbild macht. Er, der eigentliche Initiator des entscheidenden Streiks im August 1980, stand im Schatten von Lech Walesa und ist deshalb bei uns weniger bekannt. Umso wichtiger ist seine Auszeichnung mit dem Preis für Zivilcourage, der auch seiner Mitwirkung bei der Gründung der polnischen Solidarnosc- Bewegung, seinem Streben nach Selbstverwaltungsstrukturen und nach Transparenz bei Entscheidungen und der Vergabe von Steuermitteln gilt. Mit Bogdan Borusewicz ehrt die Aktion Gemeinsinn e.V. einen Praktiker in der Politik (er war u.a. Abgeordneter des polnischen Sejm, stellvertretender Innen- und Administrationsminister, leitendes Mitglied des Woiwodschaftsamtes Pomerellen), der starren Ideologien getrotzt hat und einer Politik müden Gesellschaft und erlahmten Wirtschaft durch seinen Einsatz neue Hoffnung geben konnte. Es ist der Aktion Gemeinsinn e.V. eine große Freude, Bogdan Borusewicz, den heutigen Präsidenten des Senats der Republik Polen, für seine Verdienste ehren zu dürfen. An Stelle des Vaters, der am 9. März verhindert war, kam seine Tochter nach Berlin, um die Ehrung entgegenzunehmen.


Hans de Boer, Duisburg, geb. 1925

Zivilcourage im demokratischen Alltag: Vom kapitalistischen „Ausbeuter“ zum christlich motivierten „Kämpfer für die Armen und Benachteiligten“ – so kann man Hans de Boer beschreiben. Schon als junger Mann leistete er während der NS-Zeit im Verborgenen Widerstand. Nach Kriegsende half er bei der Aufdeckung von Kriegsverbrechen. Als er 1950 als Prokurist der väterlichen Firma nach Südwestafrika ging, musste er für sich feststellen, dass ein Kaufmann, der sich an billigen Rohstoffen bereicherte, kein wirklicher Christ sein konnte. Er zog für sich die Konsequenzen (und wurde dafür von seinem Vater enterbt), studierte evangelische, katholische und jüdische Theologie und arbeitete in der Seelsorge und der Erwachsenenbildung überall auf der Welt. Hans de Boer setzt sich trotz seines Alters noch immer gegen Ungerechtigkeit, Armut und soziale Missstände ein, wo immer er ihnen begegnet. Dabei brandmarkt er das Wegschauen der Deutschen in der Zeit des Nationalsozialismus ebenso wie ihr augenblicklich geringes Engagement hinsichtlich Ausländerfeindlichkeit und Rechtsradikalismus. Das bringt dem kompromisslosen Einzelkämpfer immer wieder anonyme Schmähungen und telefonische Todesdrohungen ein. Mehrfach wurde er von Rechtsradikalen körperlich angegriffen und erheblich verletzt. Hans de Boer lässt sich jedoch nicht einschüchtern und referiert wöchentlich mehrmals als Zeitzeuge in ganz Deutschland. Es ist zu wünschen, dass ihn noch viele Menschen in Schulen und außerschulischen Bildungsstätten sowohl in Deutschland als auch im Ausland in seinen Vorträgen und Diskussionen als unbeirrbaren Kämpfer für eine bessere Welt erleben können.

 

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von Dr. Cornelie Sonntag-Wolgast am 13-Dec-09 18:06
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