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20 Jahre Freiheit!

 

Eine Testimonial-Anzeigekampagne zum Thema
"Aufarbeitung der SED-Diktatur"


Wir feiern 2009 die vor 20 Jahren wieder gewonnene Freiheit in den neuen Bundesländern. Dabei sollten wir nie vergessen: Menschen in der DDR waren es, die zu Hunderttausenden mit ihrem Freiheitsdrang und dem Willen zur Einheit unter größtem persönlichem Risiko der ganzen Welt bewiesen: „Wir sind das Volk!“, dann: „Wir sind ein Volk!“ Sie stürmten friedlich die Stasi-Zentralen mit den Rufen: „Stasi raus!“ „Stasi in die Produktion!“


Wir Deutschen haben uns seit den 50er Jahren der Opfer der NS-Terrorherrschaft angenommen. Ein Teil unserer Geschichte besteht aber auch aus dem unvorstellbaren Leid, das tausenden Menschen vom Stasi-Staat zugefügt wurde. Das sollten wir uns 20 Jahre danach vor Augen führen.


Für die Aufarbeitung der SED-Diktatur und insbesondere die Entschädigung ihrer Opfer  ist auf gesetzlichem Wege viel getan worden. Aber noch heute sind viele Unrechtsurteile nicht aufgehoben. Viele Betroffene verzweifeln daran, zu ihrem Recht zu kommen.


Wissen wir 20 Jahre nach dem Fall der Mauer genug übereinander? Die Kenntnisse besonders der jungen Leute über die deutsche Teilung und das Leben „der jeweils Anderen“ sind erschreckend gering. Gerade auch über das Leid schwer traumatisierter Opfer wird wenig geredet und geschrieben. Von Zwangsadoptionen und Bespitzelungen am ehesten dann, wenn Film und Fernsehen das Thema aufgreifen. In jüngster Zeit bemühen sich interessierte Kreise, die Verbrechen des untergegangenen SED-Staates zu beschönigen. Mehr Aufklärung und Information tun not.


Die Aktion Gemeinsinn, die unter der Schirmherrschaft Horst Köhler steht, ist die älteste überparteiliche Bürgerinitiative unserer Republik und Trägerin des Einheitspreises der Bundeszentrale für politische Bildung. Sie ruft dazu auf: Nutzen wir das Jubiläumsjahr, um in Ost und West mehr übereinander zu erfahren! Es gibt  viele Möglichkeiten, sich vor Ort an der Aufklärung über unsere Geschichte zu beteiligen und den Stasi-Opfern zur Seite zu stehen:

  • Mehr Gespräche mit Zeitzeugen organisieren
  • Appelle an Schulen und Vereine, das Thema intensiv zu behandeln
  • durch ehrenamtliche juristische und finanzielle Beratung vor allem durch Senioren
  • Besuche in der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen


40 Jahre getrennte Geschichte in Ost und West müssen zu einem gemeinsam erarbeiteten Geschichtsbild zusammenwachsen.


Sie möchten mehr zu diesen Themen wissen? Dann schreiben sie uns bitte per Post oder e-mail Sie erhalten dann  Unterlagen vor allem auch zu Möglichkeiten Ihres persönlichen Einsatzes. Rückporto (1,45 €) bitte nicht vergessen. Die Aktion Gemeinsinn lebt seit über 50 Jahren ausschließlich von Spenden.


Die Erstunterzeichner der Testimonial-Anzeige


Georg Baums
ehem. Präsident des Gesamtverbandes Werbeagenturen (GWA)

Prof. Dr. Dr. h.c. Ulrich Blum
Präsident des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle

Dr. Ulrich Bopp
Geschäftsführer der Robert-Bosch-Stiftung i.R.

Monsignore Dr. Karl-Heinz Ducke
1989/90 Moderator des Zentralen Runden Tisches in der DDR

Heinz Eggert
Sächsischer Staatsminister a.D., MdL

Rainer Eppelmann
Minister a.D., Vorstandsvorsitzender der Bundesstiftung „Zur Aufarbeitung der SED-Diktatur“

Jutta Fleck
die tatsächliche "Frau vom Checkpoint Charly"

Dr. h.c. Joachim Gauck
Ehem. Bundesbeauftragter für „Stasi“-Unterlagen, Vorsitzender des „Gegen Vergessen - Für Demokratie“ e.V.

Dr. Dieter Haack
Bundesminister a.D.

Helmut Heinen
Hrsg. „Kölnische Rundschau“ 

Pfarrer Dr. Reinhold Hemker
MdB

Dr. Helmut Herles
Chefredakteur a.D.

Stephan Hilsberg
MdB

Bodo Hombach
Staatsminister und Bundesminister a.D.

Prof. em. Dr. Hartmut Jäckel
FU Berlin

Joachim Jauer
Fernsehjournalist (vor der Wende für ARD und ZDF in der DDR)

Prof. em. Dr. theol. Drs. Eberhard Jüngel D.D.
Mitglied des Ordens Pour le mérite

Brigitta Kögler
Rechtsanwältin, ehem. Bürgerrechtlerin und Mitglied der ersten freien Volkskammer, stellv. Vorsitzende der Aktion Gemeinsinn, Jena

Prof. Dr. Ing. h.c. Berthold Leibinger
Vors. Aufsichtsrat der Fa. Trumpf GmbH+Co. KG

Landesbischof em. Dr. Werner Leich, D.D.
Eisenach

Sabine Leutheusser-Schnarrenberger
MdB, Bundesministerin a.D., stellv. FDP-Fraktionsvorsitzende

Dr. Hans-Joachim Maaz
Vors. der Deutschen Gesellschaft für analytische Psychotherapie und Tiefenpsychologie e.V., Halle

Markus Meckel
MdB, Vors. Stiftungsrat „Zur Aufarbeitung der SED-Diktatur"

Gernot Mittler
Rheinl.-Pfälz. Staatsminister a.D.

Prälat Dr. Stephan Reimers
Bevollmächtigter des Rats der EKD bei der Bundesrepublik Deutschland

Renate Schmidt
MdB, Bundesministerin a.D.

Carsten Schneider
MdB

Prof. em. Dr. Carl-Christoph Schweitzer
Ehrenvors. der Aktion Gemeinsinn

Dr. Cornelie Sonntag-Wolgast
Parl. Staatssekretärin a.D., Vorstandsvorsitzende der Aktion Gemeinsinn

Dr. h.c. Erwin Teufel
Ministerpräsident a.D.

Dr. Hans-Jochen Vogel
Bundesminister a.D.

Friederike von Kirchbach
Pröpstin der Ev. Kirche Bln.-Brandenb.-schles. Oberlausitz

Joachim Westhoff
Chefredakteur a.D., stellv. Vors. der Aktion Gemeinsinn



Meine Erlebnisse als „Wossi“ in der SBZ, später DDR
Von Prof. em. Dr. Carl-Christoph Schweitzer (Jahrgang 1924)


Als gebürtiger Potsdamer hatte ich im Gegensatz zu vielen Zeitgenossen meiner Generation das große Glück, mich nach dem verlorenen Hitlerkrieg auf der richtigen, d. h. westlichen Seite der Elbe zu befinden, also in den westlichen Besatzungszonen. So geriet ich nicht unter die Knute des Diktators Stalin und dann  seines verlängerten Arms: Walter Ulbricht.


Nach dem Krieg habe ich immer wieder versucht, in der „Sowjetischen Besatzungszone“ Kontakte zu alten Freunden aufzunehmen und neue Verbindungen zu knüpfen. Das erste Mal konnte ich meine alte brandenburgische  Heimat  im Mai 1947 heimlich, d. h. ohne Einreiseerlaubnis der Sowjetischen Besatzungsmacht, besuchen. Gottlob war an jenem Tag der (noch)“ Dampfzug“ von Berlin-Spandau nach Wustermark nicht von sowjetischen Soldaten kontrolliert worden. Diese inspizierten hingegen das Haus, in dem ich von meinen Gastgebern freudig aufgenommen worden war. Vorsichtshalber versteckten sie mich zum Schlafen auf dem Boden. Kurz nach Mitternacht erschien tatsächlich eine sowjetische Militärpatrouille und durchsuchte ohne Angabe von Gründen die beiden Etagen des Hauses. Vielleicht hatte mich irgendjemand bei meiner Ankunft beobachtet. Gelegentlich hatte ich dabei auch an Häusern alter Bekannter angeklopft, die dann mit großer Nervosität einen kleinen Spalt der Tür öffneten. Schon damals hatte ich das Gefühl, in einen totalen  Überwachungsstaat gekommen zu sein.


Ein Jahr später  waren solche „Geheimreisen“ nicht mehr möglich. Ich hatte mir aber geschworen, einen  Beitrag zur Wiedervereinigung unseres Vaterlandes „in Frieden und Freiheit“ -  so bekanntlich  die ständige  Forderung aller Bonner Regierungen - zu leisten. So manchen „Dies Academicus“  widmete ich als Historiker in Vorlesungen für Hörer aller Fakultäten an der Universität Bonn diesem Thema und ließ es auch immer wieder in Seminaren bearbeiten.


Dann kam der Mauerbau mit seinem brutalen Sperrsystem von Todesstreifen und Selbstschussanlagen  und  Erschießungen von – wie wir heute wissen, über 1.000 Deutschen. Neue Besuchsmöglichkeiten ergaben sich für mich erst wieder in meiner Zeit als Professor in West-Berlin zwischen 1963 und 1969 nach Inkrafttreten der  so genannten Passierscheinabkommen für kurze Besuche zwischen Ost- und West-Berlin unter der Aegide von Willy Brandt. Auf dieser Basis konnte ich einige Male in den Ostsektor der alten „Reichshauptstadt“, nunmehr völkerrechtswidrig „Hauptstadt der DDR“ genannt, jeweils für einen Tag bis Mitternacht einreisen. Dabei ärgerte ich mich jedes Mal über die schikanösen Verhaltensmuster der DDR-Grenzsoldaten am Bahnhof Friedrichstraße.


Eine Tagesreise durch einen Teil der DDR konnte ich erst wieder 1968 mit meinem Pkw unternehmen, als ich mich als Wissenschaftler in der kurzen antistalinistischen Aufbruchzeit der damaligen CSSR  in  Prag zu vielen interessanten Gesprächen mit den neuen Reformern aufhielt. Einen Tag vor dem  Einmarsch der Armeen des so genannten „Warschauer Paktes“ reiste ich über die Grenze zur DDR aus, machte dabei einen an sich nicht erlaubten Umweg über Dresden und kehrte noch am selben Tage in die Bundesrepublik zurück. Während der Fahrt von Prag nach Dresden waren mir schon die vielen Panzerkolonnen aufgefallen, die  in dem Grenzgebiet  am Rande der Straßen parkten. Vom Einmarsch der Warschauer-Pakt-Staaten (mit im Übrigen „nur „logistischer Unterstützung der DDR-Volksarmee!) in die CSSR zur Niederschlagung des Freiheitskampfes   erfuhr ich dann im Radio zu Hause.


Meine Besuchschancen stiegen erst wieder, als ich zusätzlich zu meinem Professorenberuf Mitte der 70er und  Anfang der 80er Jahre Mitglied des Deutschen Bundestages war, vor allem auch seines Auswärtigen Ausschusses, und mit einem Diplomatenpass ausgestattet wurde. Nun durfte man mich mit meinem VW an der innerdeutschen Grenze nicht mehr kontrollieren und mir Reiserouten vorschreiben. Eine erste Reise Ende April 1973 galt zunächst noch einer höchst offiziellen  Einladung des Staatsrates der DDR,  zu Gesprächen mit höheren Staatsfunktionären und einem von mir gewünschten Besuch der Universität Greifswald. Als wir zur Reise dorthin in einen Staatsrats- Dienstwagen vor dem Gästehaus einsteigen wollten, („wir“, weil mich durchweg ein angeblicher Professorenkollege begleitete, den ich später nirgends mehr „lokalisieren“ konnte!), bemerkte ich, wie Fahrer anderer Staatsfahrzeuge bei offenem Fenster offensichtlich das Westradio abhörten, das gerade ein Fußballspiel zwischen der westdeutschen und  einer ausländischen Nationalmannschaft übertrug. Plötzlich schrieen diese Fahrer mehr oder weniger unisono: „ wir haben ein Tor geschossen“ – und meinten damit das Team der Bundesrepublik!


Ich wusste, dass alle Gespräche auf der langen Reise Berlin – Greifswald mitgeschnitten werden würden und unterhielt mich mit meinem Begleiter daher rein „taktisch,“ aber natürlich auch immer wieder mal bewusst provozierend. Wir kamen wegen sicherlich absichtlich eingelegter Essenspausen mit zweistündiger Verspätung in Greifswald an, sodass mein vorgesehener Vortrag vor Greifswalder Universitätsprofessoren zu meinem deutlich artikulierten Ärger ausfallen musste. Ich konnte nach Besichtigungen nur noch privat organisierte Einzelgespräche führen. Als nächstes stand dann bei unserer  Rückkehr nach Berlin plötzlich auf meinem offiziellen Programm für den  1.Mai eine Einladung, auf der Ostberliner  Ehrentribüne dem traditionellen Vorbeimarsch der verschiedenen Parteiverbände, vor allem aber der Volksarmee beizuwohnen. Ich lehnte dies sofort kategorisch mit dem Hinweis darauf ab, dass in einem nach wie vor unter Vier-Mächte-Status stehenden Gesamtberlin weder Soldaten aus der DDR noch aus der Bundesrepublik öffentlich auftreten dürften.


Ich erlebte jenen 1. Mai alleine bei einem Zwischenaufenthalt in Naumburg, wo ich in der dortigen kirchlichen Hochschule mit sehr unerschrockenen Kollegen unvergessen offene Gespräche führte. Danach stellte ich mich mit meinem PKW am Rande der vorgesehenen „Paradestraße“ auf und brauchte so nur noch den letzten Teil des Umzuges mitzuerleben .Sofort wurde ich  von den sich auflösenden, vor allem jugendlichen Kolonnen in FDJ-Uniformen umringt. Als ich diese  fragte, wer  denn gerne mit mir anschließend in die Bundesrepublik fahren würde, antworteten diese jungen Leute zwischen 13 und 16 Jahren im Chor: „Ja. sooo  gerne.“. Als ich, den Schülern folgend, in die Schule hineingehen wollte, kam eine ebenso hübsche wie auf mich fanatisch wirkende Lehrerin auf mich zu und fragte „ Kommen Sie aus dem feindlichen Ausland?“, worauf ich sagte, „nein, nur aus dem anderen Teil unserer gemeinsamen Heimat“. Darauf Sie:“ Dann muss ich Ihnen den Zutritt zu dieser Schule hiermit untersagen“, sprach’s, verschwand und schloss die Tür ab.


In den 80er Jahren machte ich als Bonner Universitätsprofessor mit jeweils etwa 30 Oberseminarstudenten der Politikwissenschaft insgesamt drei 10-tägige Bus-Reisen in die DDR. Ich weiß bis heute noch nicht genau, wie diese Reisen unter der Firmierung des „DDR-Jugendtourismusbüros“ genehmigt und durchgeführt werden konnten. Jedes Mal wurde dabei vorab ein Besuchsprogramm unter Einschluss der Universitätsstädte Leipzig und Dresden vereinbart. Von der natürlich ebenfalls einzureichenden Teilnehmerliste wurde ein Mal einer meiner fanatischsten „Maoisten“(!) ohne Begründung gestrichen. Die zuständigen „staatlichen Organe“ wollten sich offensichtlich bei unseren Reisediskussionen nicht sozusagen von „ganz links“ überholen lassen! Das Schema war stets das gleiche: garantierte Unterbringung in einer Jugendherberge mit einem Einzelzimmer für mich und Zusteigen eines Dozenten(!) als Dauerbegleiter am jeweiligen  Grenzübergang bzw. in der nächst gelegenen Stadt—zweimal Eisenach, ein Mal Meiningen. Jedes Mal mussten wir  mitgeführte Westgeldscheine auf dem Einreiseformular eintragen  lassen und die   Frage nach der „Staatsangehörigkeit“ beantworten.. Ich hatte meine Studenten immer  vorher gebeten,  a) diese Spalte nicht, wie von der DDR und ihren Grenzbeamten ausdrücklich  verlangt, mit „BRD“ , sondern mit „Deutsch“ auszufüllen und b) keinerlei Namen vorgesehener und  dann auch außerhalb des Programms von uns aufgesuchter Gesprächspartner zu nennen, die  vorwiegend aus dem evangelisch-kirchlichen Bereich kamen. Die Studenten und Studentinnen befolgten  meine Regieanweisungen und  ständigen Warnungen vor dem Stasiapparat. So ganz hatten sie an die Existenz desselben aber nicht geglaubt, wie sie mir später bedeuteten.


Als die Zahlen der Stasimitarbeiter nach der Wiedervereinigung amtlich nachgewiesen werden konnten, habe   ich immer wieder darauf hingewiesen, dass es in der DDR im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung x mal mehr direkte und indirekte Stasimitarbeiter gab als Gestapobeamte und vor allem deren Zuträger im 3. Reich. Das sei  sicherlich darauf zurückzuführen, dass die NS-Regierung bis zur Wende in Hitlers Eroberungsfeldzug gen Osten mit einer Mehrheit der Bevölkerung rechnen konnte, die hinter dem Regime stand und  daher weniger intensiv bespitzelt werden musste. In der DDR hingegen so erklärte ich, waren wohl zu keiner Zeit mehr als etwa ein Viertel überzeugte Regimeanhänger gewesen .Deshalb mussten dort viel mehr Spitzel eingesetzt werden.


Bei unseren Reisen von Eisenach aus besuchten wir stets  neben der Wartburg und Weimar das ehem. NS- Konzentrationslager Buchenwald, das nach dem Kriege zunächst von der Sowjetarmee, dann von der DDR-Regierung weitergeführt wurde. Bei diesen sehr bedrückenden  Gelegenheiten (wenn auch mit dem total verstörenden Eindruck meines  Ausschwitz-Besuches schon 1971  nicht annährend zu vergleichen), stellte ich immer auch Fragen zu  den Strafgefangenen aus der kommunistischen Zeit, die jeweils nur sehr zögerlich und vage beantwortet wurden. Heute gibt es für diesen Zeitabschnitt offenbar einen eigenen kleinen Gedenkbereich.


Bei einer der Besichtigungen der Wartburg trafen wir auf eine studentische Gruppe aus der DDR, die gerade mit ihrem „Führer“ den Raum verlassen wollte, dann aber stehen blieb, als ich laut erklärte, es wäre doch eine sehr symbolträchtige Sache, dass sich ausgerechnet hier zwei studentische Gruppen aus Deutschland träfen, die im Sinne ihrer „Vorbilder“ aus früheren Jahrhunderten eigentlich nach Ende der Besichtigung bei dem schönen Wetter draußen noch „gesamtdeutsche“ Gespräche führen sollten. Dieser Vorschlag wurde von beiden Studentengruppen, von der östlichen  allerdings eher schüchtern, begrüßt - dann aber von der DDR-Seite verhindert.


Unvergessen bleiben dürften für mich und sicherlich auch für meine Studierenden unsere diversen Diskussionen in Leipzig und Dresden:


1) Das große Turmgebäude der Universität Leipzig blieb uns alle drei Male „verschlossen“. Interessanter Weise wies das Rektorat das erste Mal   mein schriftliches Angebot,  einen Vortrag z. B. zur „Außenpolitik der USA nach dem 2. Weltkrieg“ zu halten, mit dem Bemerken zurück, man müsse in einem solchen Falle immer mit dem Desinteresse der Studierenden rechnen und wolle mir das nicht zumuten! Nur bei unserem letzten und  dritten Besuch gelang es mir, nach einer  telefonischen Intervention im Rektorat wenigstens einen auf 30 Minuten begrenzten Besuch der Hauptbibliothek in Begleitung meines Assistenten durchzusetzen. (Dabei konnten wir aufschlussreiche Entdeckungen z.B. darüber machen, wer von uns Zeithistorikern vom Westen überhaupt aufgeführt wurde- und wer nicht.)


Zu einer der denkwürdigsten Begegnungen  mit einer offensichtlich sorgfältig „ausgesuchten“ Kadergruppe unter Leitung eines  sehr fanatischen kommunistischen  Dozenten kam es ein Mal in einer durch bewaffnete (!) Volkspolizisten streng abgeschirmten Räumlichkeit der berühmten „Moritzbastei“. Sie diente als Multifunktionsfreizeitanlage und bot Raum für weit  über 100 Personen. Hineingelassen wurde aber außer der erwähnten  Gruppe auf der „kommunistischen“ Seite niemand, obwohl sich immer wieder Scharen von jungen Menschen hineinzudrängen suchten. Die „staatlichen Organe“ blieben unerbittlich!  Der Leipziger Dozent hatte sogleich vorgeschlagen, dass er selber die auf zwei Stunden angesetzte Diskussion moderieren würde, da einige Fragenkomplexe ohne Referate ausgetauscht werden sollten, was auch meine Zustimmung gefunden hatte. Ich erklärte allerdings umgehend, dass nach altem „demokratischen Brauch“— eigentlich dem Ältesten das Recht der Versammlungsleitung zustünde. Daher wolle ich einmal in fragen, ob hier jemand anwesend sei, der VOR 1924 geboren sei. Niemand meldete sich, so wurde ich Moderator.


Nach eineinhalb Stunden kam es zum Eklat. Einer meiner Studenten fragte nach den Gründen für das Abgeben scharfer, gezielter Schüsse an der innerdeutschen Grenze von östlicher Seite, der schon viele Menschen zum Opfer gefallen seien, die  doch nichts anderes gewollt hätten, als in den anderen Teil Deutschlands zu gelangen. Zunächst herrschte konsterniert eisiges Schweigen. Dann versuchte der „Dozent“ – die anderen meldeten sich jetzt überhaupt nicht mehr zu Wort- die Behauptung unterzubringen, dass das Gerede von „Mauertoten“ einer infamen westlich-imperialistischen Verleumdungsintention geschuldet sei. Die Existenz eines offiziellen DDR-Schießbefehls wurde erwartungsgemäß erst recht geleugnet,  genau so wie vorher schon die Existenz des berüchtigten Molotow-Ribbentrop-Abkommens zur Aufteilung Polens 1939. Ich schaltete  ich mich ein mit dem Hinweis auf die beiden, von der DDR und der Bundesrepublik unterzeichneten UN-Menschenrechtspakte. Dazu erfolgten von der Leipziger Seite keine Kommentare mehr.


2) Eine zweite Begebenheit verlief ebenso beeindruckend. Bei einer Führung in der  berühmten Leipziger Thomas-Kirche  durch eine sachkundige Dame mit einem SED-Abzeichen am Revers hielt sich unser „Begleiter“ zufällig  gerade am anderen Ende der Kirche auf, als die etwa fünfzigjährige Dame, immer engagierter sprechend,  erklärte, wann Martin Luther hier von der Kanzel worüber gepredigt  hätte. Ganz spontan bekundete daraufhin eine meiner Studentinnen ihr Erstaunen darüber, dass ein SED- Parteimitglied hier so ausführlich auf kirchengeschichtliche Einzelheiten eingehe -  worauf diese ebenso spontan wie erregt antwortete: „ Ja glauben Sie denn, dass wir immer noch knapp 6 Millionen Evangelische uns auf die Dauer von 1 ½ Mio bekennenden kommunistischen Atheisten einschüchtern lassen werden?“ Dann brach sie erschrocken ab,  ging auf den zurückkehrenden Begleiter zu und schlug vor, nun zum „Völkerschlachtdenkmal weiter zu fahren“. Dort stand der Mann dann neben ihr und konnte nunmehr, wie wir alle, dem Herunterrasseln einer typischen SED-Bewertung des Napoleonischen Zeitalters zuhören.


3) Ein weiteres Beispiel aus den 8oer Jahren : Bei einer Ballett-Vorstellung in dem provisorischen Gebäude der noch nicht restaurierten Semper-Oper in Dresden war neben uns eine Schulklasse von Kindern im Alter von 10 -12 Jahren untergebracht, die nach Auskunft der Lehrerin diese Aufführung als Belohnung für vorbildliche Leistungen als „Junge Pioniere“ besuchen durften. Vor der Pause war diese Klasse ungewöhnlich unruhig, ja eigentlich schon störend. In der Pause  selber äußerte sich die Lehrerin uns gegenüber unglücklich über den Lärm, den ihre Klasse verursacht habe. Darauf ich:“ Na, wie wär’s, wenn wir Zwei die Plätze tauschen? Ich bin gerne bereit,  Ihre Klasse  in Schach zu halten. Vielleicht kann ich sie als Mann aus dem Westen ein wenig beeindrucken“. Gesagt getan. Ich setzte mich zu der Gruppe, erklärte ihr flüsternd, wer ich war und sagte ganz spontan, ich sei hier mit 30 meiner Studenten aus Bonn, die bestimmt daran interessiert sein würden, mit ihnen Adressen zwecks Anbahnung eines Briefwechsels  auszutauschen Ich wolle sie daher ermuntern,  mir leise—das wäre überhaupt die Voraussetzung für alles—Zettel mit ihren Namen und Adressen zuzuleiten. Mit uns mitkommen könnten sie ja leider nicht. So geschah es dann auch. Die Kinder waren „mucksmäuschenstill“.


Nach Ende der Vorstellung kam die Lehrerin wieder zu mir und bedankte sich ganz herzlich, worauf ich—törichter Weise ganz gedankenlos— die Schülerzettel mit erklärenden Bemerkungen hoch hielt. Sofort beschwor die junge Dame  mich  angsterfüllt, doch bitte alle diese Zettel sofort zu vernichten, da sie  ihren Arbeitsplatz verlieren würde, wenn sich das herumspräche.. Natürlich versprach ich ihr das sofort und entschuldigte mich für meine Unachtsamkeit.


4) Das letzte Beispiel, ebenfalls aus Dresden: Wir waren ohne Begleiter mit einer halben Gruppe (die andere Hälfte absolvierte einen anderen Programmpunkt mit unserem Aufpasser, das war möglich) zu  einem Gedankenaustausch ins Landeskirchenamt  gefahren. Gleich nach der Begrüßung wurden wir durch Handzeichen bzw. Flüstern auf den parkenden Kombi an der gegenüberliegenden Straßenseite aufmerksam gemacht, der eine Antenne auf seinem Dach hatte. Die ersten 15 Minuten des Unternehmens vergingen daher mit einer  Eloge der Gastgeber  auf das Funktionieren der „Kirche im Sozialismus“. Danach wurden wir in einen ganz anderen, kellerähnlichen Gebäudeteil geleitet, wo wir uns sehr offen eine weitere halbe Stunde über die“ tatsächlichen“ Verhältnisse austauschen konnten. Dieses Gespräch verzögerte sich über die vereinbarte Zeit hinaus, so dass wir etwas verspätet zum zweiten Teil dieses „privaten Events“ ankamen. Der Raum war völlig überfüllt. Der Studentenpfarrer begrüßte uns lautstark mit den Worten:“ Na, was haben die Ihnen denn so alles in der Kirchenleitung zu den heutigen staatlich-kirchlichen Beziehungen vorgelabert?“, um dann eine durchaus DDR-kritische West-Ost-Diskussion zu leiten. Auf der Rückfahrt im Bus ab „Zonengrenze“ überlegten wir, ob hier nicht vielleicht doch ein „agent provocateur“ am Werke gewesen sei. Diese Hypothese wurde schließlich verworfen.


Nie werde ich die große Feier mit weit über einer Millionen Deutschen im wiedervereinigten Berlin in der Nacht vom 2. auf den 3. Oktober 1990 vergessen, die ich für die BBC vor dem Brandenburger Tor zu kommentieren hatte. Auf eine erste Frage des britischen „anchor-man“ , wie denn auf mich persönlich diese Nacht wirke, erwiderte ich, dass für mich soeben  der schönste Geburtstag in meinem ganzen bisherigen Leben begonnen hätte und  ich  überglücklich sei, dass nun auch meine Landsleute in meiner eigenen alten Heimat nach insgesamt beinahe 6o  in Diktaturen verbrachten Jahren wieder in Freiheit ihr Leben würden gestalten können. Neben mir stand eine etwa 45 jährige Dame, der auch kurz das Mikrofon hingehalten wurde. Sie antwortete mit tiefer Trauer in der Stimme genau das Gegenteil. Sie sähe als DDR-Bürgerin nun keine Zukunft „mehr für ihr Land“ - und dachte dabei sicherlich auch an die im November 89 angelaufene und später sozusagen im Sande verlaufene große Unterschriftensammlung unter dem Motto: “ Für unser Land“, d.h. also für einen sozialistischen, separaten deutschen Staat ohne Diktatur. Auch mit diesen Menschen, z.T sicherlich frühere Nutznießer des DDR- Systems, sollte heute ein Gespräch über die Vergangenheit möglich sein.


Das Fazit meiner Erlebnisse in der SBZ-DDR


1) Stets habe ich diesen Teil meines „Vaterlandes“ als einen Polizeistaat empfunden, den ich jedes Mal froh  gewesen war,  wieder “frei“ verlassen zu können. Die Repression und Bespitzelung lag gewissermaßen in der „Luft“,--natürlich in unterschiedlicher Intensität, abnehmend nach der brutalen „Ära Ulbricht“, wo man die Angst der Menschen besonders stark zu spüren bekommen hatte.


2) Immer haben mir  meine Landsleute in der alten Heimat einerseits unendlich leid getan, weil sie alleine  in das gesamtdeutsche „Wiedergutmachungskonto“ mit erzwungener Unfreiheit einzahlen mussten. Wiedergutmachung ist hier im übertragenen Sinne gemeint, da die finanzielle Wiedergutmachung für die Opfer  des NS-Terrorstaates die „Wessis“ mehr oder weniger alleine zu schultern hatten. Zugleich wuchs aber meine Bewunderung dafür, wie sich die große Mehrheit der Bevölkerung eigene „Nischengesellschaften“ schuf und in  denselben solidarisch miteinander umging. Deshalb habe ich öffentlich im Westen immer wieder, auch  als Gründer der Aktion Gemeinsinn, erklärt: es gäbe eigentlich mehr an einer „gemeinsinnigen“ Grundhaltung in dem unfreien Polizeistaat DDR als in der freien Wohlstandsgesellschaft der alten Bundesrepublik. Zu dieser Aussage stehe ich heute noch.


3) In den 8oer Jahren hatte sich bis hinauf in die Parteienspitzen  das Gefühl durchgesetzt, dass unsere Generation, aber wohl auch die viel Jüngeren, die Überwindung der Teilung Europas nicht mehr selber erleben zu können glaubten .Wer heute das Gegenteil behauptet, den oder die könnte ich  aus persönlichen Erfahrungen heraus widerlegen. Dass die „Wiedervereinigung Deutschlands in Frieden und Freiheit“ durchweg von 1949 an zur obersten Staatsräson der Bundesrepublik wurde – zu Recht! - steht auf einem ganz anderen Blatt. Dabei sollte – zeitgeschichtlich einwandfrei nachweisbar - nicht vergessen werden, dass es letztlich nur die Vereinigten Staaten von Amerika waren, die „ohne wenn und aber“ ebenfall an dieser Zielvorstellung festhielten und daher im Hinblick auf die Siegermächte des 2. Weltkrieges bis 1989  als unsere treuesten Verbündeten angesehen werden müssen.

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von Dr. Cornelie Sonntag-Wolgast am 13-Dec-09 18:06
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